Spielpädagogik für Familien

Es gibt aus unserer Sicht nur wenige Grundsätze zu beachten. Es gibt kein großes Geheimnis und nur wenig wirkliches Neues zu entdecken. Sie waren auch einmal klein und sie haben gespielt. Sie sind also an sich bereits Profi. Beim Spielen geht es darum selbst Erlebtes und die eigene Erfahrung wieder in Erinnerung zu rufen. Vertrauen sie sich und ihren Schützlingen. Sie können Spielen. Jeden Tag ein kleiner Schritt und ganz wichtig Spaß.

Gemeinsam und nicht einsam Lernen

Gleich vorweg, spielerisch Lernen bedeutet für uns immer gemeinsam mit dem Kind. Es gibt kein Spiel, dass wirklich funktioniert, wenn man seinem Schützling eine Schachtel hinstellt und sagt spiel. Aus unserer Erfahrung gilt das Ganze noch weniger, wenn man es mit den Wort Lernspiel oder offensichtlichen primär am Lernziel ausgerichteten Spielprinzipien und Grafiken probiert. Das muss es aus unserer Sicht auch nicht, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Vorbild mit Fehlern

In uns allen wohnt ein angeborener Spieltrieb inne. Wir alle wollen unsere Welt entdecken, verstehen und uns zu eigen machen. Als Kinder und Heranwachsende orientieren wir uns stark an unseren direkten Bezugspersonen. Sie geben uns Regeln, erklären und im Besonderen leben sie uns vor. Eltern, Lehrer:innen, Erzieher:innen, Großeltern, Trainer:innen – all das sind wichtige Angelpunkte in den ersten Lebensjahren. Eine Verantwortung die wir als Menschen uns immer bewusst sein sollten.

Es wäre utopisch zu denken, dass wir dem immer gerecht werden können. Müssen Sie auch nicht. Scheitern und Fehler gehören auch in der Erziehung dazu. Wichtig ist es immer wieder zu versuchen, an sich zu arbeiten, Fehler zu erkennen und offen damit umzugehen. Nutzen sie Spiele um die Menschen und die Welt besser verstehen zu können. Spiele bilden einen Rahmen, in dem man „sicher“ lernen und probieren kann.

Allheilmittel oder die berühmte Frage

Wir werden immer wieder gefragt, welches Spiel wir empfehlen würden. Eine berechtigte Frage, die aber je nach Zeit, Laune, Spieleranzahl, Erfahrung und Interessen eine andere Antwort bedürfte. Was ein gutes Spiel ist, hängt von so vielen Faktoren ab, welche eben nicht in der Spielschachtel liegen. Das beginnt mit den simplen Fragen nach der Spieleranzahl und dem Alter der Mitspielenden und endet mit dem Gemütszustand just in dem Moment wo gespielt wird.

Spielen ist eine Tätigkeit mit Menschen, ihren Vorlieben, Kenntnissen, Fähig- und Fertigkeiten. Wenn wir etwas spielen wollen, müssen wir dazu in der Lage und Willens sein uns darauf einzulassen. Sie können das beste und schönste Spiel aller Zeiten haben, wenn ihnen gerade die Milch übergekocht ist oder sie den Kopf von einem stressigen Arbeitstag voll haben, wird es sie nicht begeistern. Auch wenn sie es an einem anderen Tag kaum aus der Hand legen würden. Bitte lassen sie diese Erkenntnis auch für ihre Schützlinge zu.

Versuchen sie Freiräume zu schaffen, welche das passende, einladende Umfeld bieten. Machen sie ein Angebot, das „verführt“. Suchen Sie Themen die begeistern und wenn es die lustige Grafik, der Monsterdino oder eben das klischeehafte Pferd ist. Der Brei muss dem Gast schmecken und nicht dem Koch.

Gewinnen lassen und Hilfe

Die Vierjährige kommt mit Niederlagen nicht zurecht und schmollt. Der Sechsjährige will nicht mehr mitspielen, weil er ja eh verliert. Alle spielen so, dass der Nachwuchs gewinnt und wir brechen dabei die gemeinsamen Spielregeln. Am Ende wird Spielen zum Muss und der Spaß ist für mindestens einen Mitspieler verloren.

Die Frage ist nicht, ob man das Kind gewinnen lassen soll, sondern ob man das richtige Spiel ausgesucht hat. Wenn wir zum Beispiel ein Spiel mit Zahlenwürfel verwenden und es mehr als eine Figur zu setzen gilt, brauchen wir neben dem reinen Zählen auch die Übersicht und ein gewisses Verständnis für die Möglichkeiten. Was uns selbstverständlich scheint, ist für unsere Schützlinge manchmal eine große Herausforderung. Hier hilft es nicht selbst die eigenen Möglichkeiten nicht zu nutzen, sondern beim Setzen zu erklären, warum man das macht. Gehen Sie aber dafür aber immer nur einen kleinen Schritt weiter. Vom
Farbwürfel zum Zahlenwürfel. Von einer Figur zu mehr Figuren. Von einem linearen Weg zu Wahlmöglichkeiten. Und geben Sie dem Nachwuchs eine Chance es zu lernen und für sich anzunehmen.

Helfen sie nicht bei jeder Klippe, die es zu überwinden gilt. Halten sie sich zurück. (Hier ein wichtiger Hinweis. Diesen Satz noch einmal lesen, auch wenn es lieb gemeint ist und dem eigenen Ego noch so sehr kitzelt.) Erklären sie lieber ihren eigenen Zug, statt den Zug des Schützlings vorWEGzunehmen.

Motivier mich (Vor-Handy-Zeitalter)

Stellen Sie sich vor, sie bekommen zu Weihnachten ein wunderschönes Geschenk. Es ist wertvoll, wohl überlegt und passend für sie ausgesucht. Der Schenkende hat sich sehr viele Gedanken gemacht, es liebevoll verpackt und will ihnen etwas Gutes tun. Voller Vorfreude entfernen sie die Schleife, zupfen vorsichtig das Klebeband ab und ziehen das Geschenkpapier beiseite. Und dann lächelt sie die aktuelle Steuersoftware an.

Das Ganze nennt man Erwartungshaltung. Und wenn die ihrige nicht mit der ihres Schützlings übereinstimmt entsteht ein schlecht überbrückbares Szenario. Bis zun einem gewissen Alter sollten wir versuchen einfach die Neugier zu wecken. Vormachen, vormachen und nochmal vormachen. Es ist immer noch sinnvoller der Bergsteiger kommt zum Berg als dass sie den Berg ihm
hinterhertragen.

Bauen sie kleine Erfolgserlebnisse ein und den Aha-Effekt nicht vergessen. Wenn uns etwas gelingt, gerade wenn unser Vorbild es uns vorgemacht hat, steigert dies unser Selbstwertgefühl und hilft uns das Erlernte zu behalten. Dabei sind die Zwischenerfolge genauso wichtig, wie das große Ganze. Und lassen sie bitte Fehler zu.

Motivier mich (TV-, Stream- und Handy-Zeitalter)

Regeln, Regeln, Regeln. Wenn wir eines aus Spielen gelernt haben, dann dass es Regeln braucht, um nicht ganz im Chaos zu versinken. Nun ist es zugegeben schwer, sich den alten und neuen Medien zu entziehen und aus unserer Sicht ist
es sogar notwendig sich damit vertraut zu machen, aber wie schon in der Antike bekannt, macht das Maß viel aus.

Legen sie gemeinsam Regeln fest, wann und wie lange Handy, Computer und TV genutzt werden. Halten sie sich selbst an diese Regeln (Und auch diesen Satz bitte doppelt lesen. Siehe Vorbild). Machen sie Alternativangebote, die wirklich interessant sind. Ein „Du-darfst-nicht“ schränkt jeden ein. Wenn wir es durchhalten wollen müssen wir es zum einen verstehen, wir müssen es akzeptieren und wir sollten für uns einen Vorteil darin erkennen.

Nutzen sie bitte die Medien nicht als Belohnungsystem. Wenn sie erfolgreiches Aufräumen des Zimmers mit Handyzeit verknüpfen, dann fördern sie indirekt die Überhöhung des Handys. Sie selbst räumen ja damit dem Handy einen noch höheren Stellenwert ein. Wir alle, und auch ihr Schützling, sind clever. Und wenn eine Ressource von allen als knapp und wichtig angesehen wird, werden wir alles versuchen, um sie zu bekommen. Vielleicht auch an bestehenden Regeln vorbei.

Wissen ist ... (im Handy-Zeitalter)

Meist geht das Sprichwort mit Macht weiter. Wenn wir die Möglichkeiten einer vernetzten, Realtime-Kommunikation mit unzähligen Apps, Inhalten und Angeboten sehen, so haben wir in den letzten Jahren die Welt auf den Kopf gestellt. Wir alle haben das verfügbare Informationsangebot explosionsartig wachsen lassen. Daher ist Wissen weniger Macht, als eine große Aufgabe und Verantwortung. Um aus dem Überangebot an Informationen Wissen zu generieren, bedarf es einem geschulten Umgang. Doch genau an dieser Stelle scheitern wir zunehmend als Gesellschaft und in der Familie.

Keine Angst. Die junge Generation hat schon immer einen Vorsprung gelebt, denn sie kann auf den Errungenschaften der Vorfahren aufbauen. Aber wir müssen versuchen die richtigen Werkzeuge bereitzustellen. Und um dies zu können, müssen wir wissen, was passiert. Reden sie offen über die Nutzung der neuen Medien. Beschäftigen sie sich mit den Inhalten. Erklären sie, lernen sie selbst. Hören sie zu und lassen sie es sich erklären. Bleiben sie auf Augenhöhe und offen. Und bleiben sie am Thema. Was heute noch gut war kann sich ganz schnell ändern. Mobbing, Abhängigkeiten und im schlimmsten Fall Missbrauch darf uns als Verantwortungstragende nicht entgehen. Dazu gehören gegenseitiges Vertrauen und eine offene Kommunikation auf Augenhöhe.

Schauen sie sich die Spiele genau an. Es geht nicht nur um In-App-Käufe, Werbung und Datenschutz. All das sollten sie schon rein aus erzieherischer Sicht als „Haftende“ im Blick haben und kritisch beurteilen. Klären sie ihre Schützlinge über die Mechanismen in den Spielen auf. Zeigen sie, dass gerade Gratis-Spiele darauf ausgelegt sind, soviel wie möglich Spielzeit zu generieren. Level die man schafft, aber eben auch immer eine Herausforderung bleiben. Belohnungssysteme, die die eignen Körperchemie anregen. Grafik die fesselt und anregt. Spiele, und im Besonderen Gratisspiele, leben von der Aufmerksamkeit der Nutzer. Dabei handelt es sich um ein Milliarden-Dollar-Business und Gratis ist nur die halbe Wahrheit. So fließen jedes Jahr viele Millionen in die Analyse des Spielverhaltens.

Uns ist an dieser Stelle wichtig, daran zu erinnern, dass elektronische Spiele und neue Medien auch Chancen bieten. Man kann bei einem bewussten und kontrollierten Umgang mit den neuen Medien sehr viel Lernen, Entdecken und sich neue Welten erschließen. Themen, die klassisch analog kaum vermittel bar sind, können elektronisch gut aufbereitet Neugier wecken. Prozesse können besser und leicht verständlicher dargestellt werden. Nur im Umgang kann man lernen kritisch Dinge zu bewerten und einzuordnen.